E-Mobilität und die User Experience

Wie eine UX-Steigerung E-Mobility voran bringen kann

Das Konjunkturpaket der Bundesregierung in Deutschland und die darin enthaltene Förderung der Elektromobilität hat noch einmal den Willen des Ausbaus der E-Mobilität bekräftigt. Aber obwohl Subventionen einen wichtigen Eckpfeiler bei der Förderung der E-Mobilität darstellen, werden diese alleine nicht ausreichen, um das Ziel in Deutschland von sechs Millionen Elektrofahrzeugen1 (BEV2) bis 2030 zu erreichen, wenn nicht auch die User Experience gesteigert werden kann. Die folgende Tabelle zeigt deutlich, dass der Ausbau der E-Mobilität zwar sowohl in Deutschland als auch in Österreich vorangeht, aber um E-Mobilitäts- und die damit eng verknüpften Klimaziele erreichen zu können, muss in den nächsten Jahren deutlich an Fahrt aufgenommen werden. In Österreich allerdings ist der relative Anteil von reinen E-Fahrzeugen gemessen am Gesamtbestand aller Fahrzeuge derzeit bereits doppelt so hoch wie in Deutschland.

Dass der bisherige Ausbau der E-Mobilität noch hinter den Erwartungen zurückliegt, hängt nicht zuletzt mit einer geringen User Experience zusammen. Momentan befinden sich Nutzende immer noch in einem Dschungel aus Marktakteuren und Tarifoptionen, der nur durch intensivste Marktrecherchen durchdrungen werden kann. Aber auch die Installation von Wallboxen in Mietshäusern sowie unterschiedliche Fördermöglichkeiten von privaten Wallboxen in den verschiedenen deutschen Bundesländern stellen die User derzeit noch vor große Herausforderungen. Die folgenden Empfehlungen sollen daher Maßnahmen zur Steigerung der User Experience enthalten, die letztendlich für einen Ausbau der E-Mobilität unerlässlich sind.

Ausbau der Ladeinfrastruktur

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur und somit die Zugänglichkeit an Ladestationen ist eines der wichtigsten Kriterien für den Kauf eines E-Autos. Sofern vor jeder Fahrt eine umständliche Routenplanung um die verfügbaren Ladestationen herum vorgenommen werden muss, ist die Usability stark eingeschränkt. In diesem Sinne ist die Sicherstellung eines dichten Ladeinfrastrukturnetzes eine Grundvoraussetzung für einen möglichen Ausbau der E-Mobilität.

Die Tabelle zeigt deutlich, dass Österreich bezogen auf die Anzahl der Ladestationen pro 100.000 gemeldete Personen einen deutlichen Vorsprung beim Ausbau der Ladeinfrastruktur gegenüber Deutschland innehat. Dies korreliert deutlich mit einem im Vergleich zu Deutschland anteilig deutlich höheren Elektrofahrzeugebestand. In Österreich stellen die staatlichen Energieversorgungsunternehmen ein Ladeinfrastrukturnetz sicher, das durch private Provider ergänzt wird. Entscheidend ist hierbei eine starke Vernetzung der verschiedenen Provider, sodass der Kundschaft mittels Roaming ein Provider-übergreifendes Ladeinfrastrukturnetz zur Verfügung gestellt werden kann. Im Gegensatz dazu ist Deutschland von einer größeren Vielfalt an Providern und einer daraus resultierenden Fragmentierung der Services geprägt.

Fokus auf Usability im E-Mobilitätsumfeld

Wichtig ist es, den User bei dem Thema E-Mobilität in den Fokus zu rücken und starre Konzepte wie die strikte Trennung von öffentlichem und privatem Laden im Sinne der Usability aufzulösen. Zudem kann Künstliche Intelligenz (KI) die Automatisierung von Prozessen ermöglichen und somit gleichermaßen die Nutzerfreundlichkeit wie auch eine effiziente Nutzung der Stromressourcen im Sinne eines netzdienlichen Lastmanagements gewährleisten.

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  • EMP Kunden-App: Der Elektromobilitätsprovider (EMP) ist i.d.R. der einzige E-Mobilitätsakteur mit direktem Kundenkontakt. Er stellt die RFID-Karte und die App zur Verfügung, die der Kundschaft das öffentliche Laden deutlich erleichtern soll. Wichtig ist hierbei vor allem eine intuitive Bedienoberfläche, die Usern einen guten Überblick der Ladestationen auf der Karte gibt und alle Informationen wie Verfügbarkeiten und Tarife – insbesondere bei Drittanbieterladesäulen – übersichtlich darlegt. Die Usability sollte durch das Erfüllen von UX-Design-Kriterien gewährleistet sein und beispielsweise die Navigation zu einer Ladestation direkt aus der App heraus ermöglicht werden.
  • E-Mobility Software: Eine einheitliche E-Mobility Software sollte alle E-Mobilitätsfunktionen in einer Applikation bündeln. Dank APIs bekommen User einen Überblick über privates und öffentliches Laden inkl. Ladezeiten mit den einhergehenden Tarifen, was ein genaues Monitoring auf Kundenseite ermöglicht. Eine API des E-Autos ermöglicht idealerweise eine automatische und einfache Steuerung von Ladevorgängen und zeigt das Ladevolumen samt der noch notwendigen Ladedauer in Echtzeit an. Eine API zu den Netzbetreibern sorgt dafür, dass die Daten zur Netzauslastung übermittelt werden. Das Open Charging Network (OCN) bietet derzeit Unterstützung und eine API für eine direkte Peer-to-Peer-Übertragung der Ladedaten vom Ladesäulen-Backend zum EMP Provider. Dieses richtet sich derzeit noch hauptsächlich an kommerzielle Provider.Wenn dies hingegen auch Privatpersonen in Form einer OCN-Box zur Verfügung gestellt werden würde, könnte man eine Art “Charging Point Crowdsourcing” anbieten, das die Grenzen zwischen privaten und öffentlichen Ladestationen verschmelzen und stattdessen die User Experience in den Fokus rückt. Über die E-Mobility Software sollte ein einfaches Freischalten von Fremd-Usern möglich sein und eine Sichtbarkeit der Ladestation mit den Verfügbarkeiten über das OCN-Netzwerk gewährleistet werden.
  • Netzdienliches Lastmanagement: Die E-Mobility Software sollte zudem im Sinne eines netzdienlichen Lastmanagement das Aufladen automatisch und intelligent steuern. Die API-Schnittstelle zu dem Netzbetrieb übermittelt hierfür die Daten der Netzauslastung. Nun trägt der User einfach den Zeitpunkt in die E-Mobility Software ein, an dem das E-Auto wieder voll geladen sein muss, und der Ladevorgang wird mittels KI zum netzdienlichen und damit auch für den User kostengünstigen Zeitpunkt gestartet. Hierfür ist es jedoch notwendig, dass dem User flexible Stromtarife angeboten werden, wie es awattar derzeit tut, indem sie einen Stromtarif anbieten, der eine stundengenaue Abrechnung ermöglicht und sich am Börsenpreis orientiert. Wenn besonders viel erneuerbare Energien (beispielsweise in Form von Wind- oder Sonnenenergie) vorhanden sind, können User Geld sparen, indem kostengünstig Strom bezogen wird und gleichzeitig ein Beitrag zur Klimaneutralität durch ein netzdienliches Lastmanagement geleistet wird. Voraussetzung ist jedoch auch, dass das Auto über eine API verfügt, die sich mit der E-Mobility Software verbinden kann. Mehr zu dem Thema Künstlichen Intelligenz und die Energiewirtschaft können Sie auch in Florian Eisermanns gleichnamigen Expert View nachlesen.
  • Heimladebetrieb: Für den Heimladebetrieb muss eine einfache Installation der Wallbox gewährleistet sein. Eine gute Grundlage liefert hierfür der im März 2020 in Deutschland veröffentlichte Gesetzentwurf, welcher einen Rechtsanspruch auf eine E-Ladestation auch in Mietshäusern garantiert. Im Gegensatz zu Österreich gibt es in Deutschland allerdings noch keine einheitliche Förderung für die Installation von Wallboxen, sondern diese variiert von Bundesland zu Bundesland. Um den E-Mobilitätsausbau voran zu bringen, müssen diese Hürden jedoch noch abgebaut und möglichst operativ einfache und einheitliche Regelungen geschaffen werden. Der Ladevorgang sollte für die User einfach und bequem fernsteuerbar über die E-Mobility Software gestartet werden können.
  • Öffentliches Laden: Für einen reibungslosen Ausbau der E-Mobilität ist zudem eine starke Vernetzung der einzelnen E-Mobility Provider unabdingbar. So können über Roaming-Plattformen oder mittels Peer-to-Peer über das OCPI-Protokoll3 auch User von Drittanbietern an den Ladesäulen tanken, sodass Usern ein großes und Provider-übergreifendes Ladenetz zur Verfügung steht. Auch die Möglichkeit des ad hoc-Bezahlvorgangs ohne Fahrstromvertrag an den Ladesäulen sollte für eine zusätzliche Flexibilität auf Seiten der Kundschaft vom Ladesäulenbetrieb gewährleistet und in das Ladesäulen-Backend integriert werden. Wichtig ist in diesem Rahmen auch eine Transparenz hinsichtlich der entstehenden Kosten bei den Drittanbietern.

Einbettung in das Customer Ecosystem

Die oben beschriebenen UX-Grundlagen sind ein wichtiger Bestandteil für den Ausbau der E-Mobilität, allerdings sind dies nur die Grundvoraussetzungen für einen reibungslosen Ablauf des E-Mobilitätsumfeldes. Zukünftig sollte neben den Kostenersparnissen und den Klimaaspekten jedoch auch eine UX-Steigerung gegenüber den Nutzenden von Verbrennungsmotoren gewährleistet werden. Da Ladestationen automatisch mit einem Backend ausgestattet sind, können einfache Ökosystem-Funktionen in das Backend integriert werden. Die folgenden Use Case Scenarios sind hier denkbar:

  • Firmenparkplatz: Direktes Ein- und Auschecken über das Zeiterfassungstool per RFID-Karte sobald geparkt und aufgeladen wird
  • Hotelparkplatz: Automatisches Einchecken und automatisierte Abwicklung des Bezahlvorgangs über die auf der RFID-Karte hinterlegten Kreditkartendaten, sobald auf dem hoteleigenen E-Parkplatz geparkt und aufgeladen wird
  • Öffentlicher Parkplatz: Automatische Abrechnung der Parkgebühren

Die oben genannten Szenarien schaffen einen Mehrwert und eine Erleichterung gegenüber Autos mit Verbrennungsmotoren, die einen zusätzlichen Anreiz für den Kauf eines E-Autos liefern können. Ziel sollte es daher auf jeden Fall sein, das UX-Design von E-Autos so zu steigern, dass E-Auto-User deutlich bevorzugt werden und eine Zeitersparnis einen weiteren Benefit für den Kauf eines E-Autos darstellt.

Fazit und Ausblick

Nur durch einen optimalen Mix aus Aufklärung, Ausbau der Ladeinfrastruktur, bundesweit einheitlicher staatlicher Förderung und nicht zuletzt einer Steigerung der User Experience ist es möglich, die festgesteckten E-Mobilitätsziele der Regierungen noch zu erreichen. Das Zusammenkommen einer hohen Anzahl von Marktagierenden im E-Mobilitätsmarkt erfordert von allen Seiten ein hohes Maß an Interoperabilität und Vernetzung. Damit die Customer Experience nicht darunter leidet, existieren bereits eine Anzahl von Standardprotokollen zur Datenübertragung, wobei es wichtig ist, die derzeit noch existierenden Insellösungen zukünftig über APIs noch stärker miteinander zu vernetzen. Welche konkreten Handlungen noch notwendig sind und wie unsere Vision Digital E-Mobility 2022 en detail aussieht, können Sie in unserem in Kürze erscheinenden Report nachlesen – stay tuned!

1 Quelle: https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Verkehr/regierungsprogramm_emob_bf.pdf

2 BEV steht für Battery Electric Vehicle, also ein rein batterieelektrisches Fahrzeug

3 Das sog. Open Charge Point Interface (OCPI) ermöglicht eine direkte Kommunikation zw. dem Ladestationsmanagement-Backend und Elektromobilitätsprovider

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