Lernen ohne Schule?

Wie könnten unsere Kinder nach Ostern lernen, wenn die Schulen geschlossen bleiben?

Wenn man den führenden Virologen in Deutschland wie Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité oder Prof. Lothar Wieler, Leiter des Robert Koch Instituts, genauer zuhört, wird schnell klar, dass der Corona-Virus keine Sache von vier Wochen ist. Bis eine Impfung Anfang oder Mitte nächsten Jahres verfügbar ist, steckt sich ein Drittel der Deutschen an. Wer Kinder hat, weiß, dass Schulen und Kitas einer der größten Viren-Drehscheiben in unserer Gesellschaft sind. Egal wie gut Lehrkräfte und Fachkräfte in der Kinderbetreuung aufpassen, die kleinsten der Gesellschaft, können “Social Distancing” einfach nicht realistisch umsetzen. Auch ist es in unserer Kultur im Moment nicht so gut vorstellbar, dass alle Kinder und Lehrkräfte in drei Wochen nach den Osterferien mit Mundschutz einen ganzen Schultag durchhalten. Was also tun, wenn die Schulen nicht wieder aufmachen oder viele Eltern ihre Kinder aus Angst nicht in die Schule schicken wollen? Dazu kommen tausenden Schulkinder in Deutschland, die in den nächsten 6 Monaten erkranken werden. Die allermeisten von ihnen werden die Infektion zwar gut überstehen, können aber trotzdem einige Wochen nicht zur Schule gehen. Wenn Geschwister oder Eltern zeitversetzt erkranken, fehlt vielen Kindern womöglich Schulstoff aus mehreren Monaten, obwohl die Schulen offiziell vielleicht wieder aufmachen. 

Im Geschäftsumfeld moderner Information-Worker ist die Home-Office-Alternative von einem Tag auf den anderen Realität geworden. “Wir” sind es gewöhnt von einer Video-Session zur anderen zu springen und können wochenlang mit minimalem physischen Kontakt produktiv sein. Für die Schulen in Deutschland und Österreich ist das aber alles Neuland! Natürlich wurden Digitalisierungs-Millionen in die Schulen gekippt. Das Geld ist aber in immobilen Smartboards oder Informatik-Arbeitsplätzen mit ortsfesten Desktops geflossen. Oftmals gibt es kaum Lehrkräfte, die überhaupt sinnvolle Entscheidungen über Investitionen treffen können oder souverän mit digitalen Konzepten umgehen können. Keine uns bekannte öffentliche Schule hat nur ansatzweise daran gedacht kranke Kinder mit Online-Unterricht mit einzubeziehen oder gar einen digitalen Notfallplan für eine langfristige Schulschließung ausgearbeitet. Dabei braucht man technisch gar nicht so viel und dank der vielfältigen Angebote der großen Technologie-Unternehmen oft auch für wenig Geld oder gratis. Deshalb versuchen wir mit diesem Artikel wenigstens ein wenig zu helfen die Digital-Kompetenz an den Schulen zu unterstützen und Entscheidungshilfen zu geben. 

Was braucht man nun wirklich um einen digitalen Unterricht zu realisieren?

  • Video-Konferenz und -Aufnahme: Darunter sehen wir eine einfach zu bedienende Video-Konferenz-Lösung, die auf jedem üblichen Endgerät funktioniert (Browser, PC, Mac, Android oder iOS Tablets und Smartphones). Dabei ist es wichtig, mit minimalem Aufwand für die Lehrkräfte eine Echtzeit-Videokonferenz durchführen zu können, in der virtuell “anwesende” Schulkinder aufgerufen werden und Fragen stellen können. Darüber hinaus müssen aus den digitalen Unterrichtsstunden direkt Aufnahmen entstehen, die von abwesenden Schulkindern auch später angeschaut werden können, um verpassten Unterricht nachzuholen. Einige der kommerziellen Systeme sind zu kompliziert für ein Schulkind. Wenn Sie aber sehen, wie souverän Schulkinder der dritten Klasse heute schon mit Videospielen oder Video-Apps wie TikTok umgehen, ist auch in dieser Altersgruppe schon die selbstständige Teilnahme an einer Video-Klasse realistisch. Die Werkzeuge müssen eben intuitiv zu bedienen sein. 
  • Persistenter & strukturierter Chat: Welche Eltern kennen nicht den inzwischen glühenden Klassen-Eltern-Whatsapp-Kanal. Alles, offizielle und nicht offizielle Informationen, Arbeitsblätter und teilweise sinnlose Kommentare einiger Eltern angereichert mit Diskussionen zu Freizeitaktivitäten, die mit der Schule gar nichts zu tun haben, ist hier in einem Strom. Was für ein Chaos! Kein Wunder, dass sich viele Lehrkräfte bewusst diesem Kanal entziehen. Und dabei reden wir noch gar nicht von den Spionierereien des Facebook-Konzerns in den Whatsapp-Verbindungsdaten. Trotzdem ist die klassische E-mail als Medium für eine Online-Klasse vollkommen ungeeignet. Die Schulen brauchen eine strukturierte und einfach zu verstehende Chat-Plattform für den Unterricht mit den Kindern und einen zweiten Kanal mit den Eltern. Dabei sollte der Chat mit den Kindern dem Unterricht folgen. Also alles was zu einem Fach gehört in einem Strom erscheinen; egal, ob es die Ankündigung einer Unterrichtsstunde, der Live-Video-Unterricht, die dort gestellten Hausaufgaben, die Fragen der Schulkinder dazu oder letztlich die Aufnahme der Video-Stunde ist, falls man sie live verpasst hat. Nur dann kann man mit einer Plattform ohne zusätzlichen administrativen Aufwand sowohl den virtuell anwesenden Kindern, als auch den zeitversetzt lernenden Kindern helfen und die Eltern sinnvoll einbeziehen.
  • Dokumenten-Plattform: In Schulen wird heute noch haufenweise Papier bedruckt und kopiert. Präsenzunterricht in der Grundschule und in den ersten Klassen der weiterführenden Schulen funktioniert eben mit Schulbüchern und Arbeitsblättern. Die meisten Haushalte haben auch an irgendeinem Internet-Endgerät einen Drucker um Kinder in Quarantäne mit Arbeitsblättern zu versorgen. Heute scheitert es daran, dass die Lehrkräfte nicht einmal die Email-Adressen aller Eltern haben. Viele Eltern mit mehreren Kindern würden auch nicht hinterher kommen, zeitnah allen Kindern die aktuellen Arbeitsblätter eines Online-Unterrichtstages auszudrucken. Ein virtuelles Klassenzimmer muss also mit einem Cloud-Laufwerk verbunden sein, aus dem ggf. die Kinder selbst ihre Arbeitsblätter mit einem einfachen Smartphone oder Tablet ausdrucken können. 
  • Kurs-Management: Aus kommerziellen e-Learning-Systemen der Erwachsenen-Bildung kennt man ein Kurs-Management. Hier wird beispielsweise die Abgabe von Arbeitsaufgaben durch die Schülkinder kontrolliert oder sogar Noten vergeben. Vieles davon braucht man in einer öffentlichen Schule nicht. Dennoch ist die Lernkontrolle für jede Lehrkraft, die ihre Schulkinder nur per Video sieht, eine große Herausforderung. Einfache Werkzeuge, die zumindest die Teilnahme am Live-Video-Unterricht oder das Anschauen einer Aufnahme dokumentieren, sind ein unverzichtbares Mittel, um einen Lernerfolg sicherzustellen.

Vor-und Nachteile verschiedener Plattformen

Es gibt tatsächlich Lösungen, die Out-of-the-Box das alles können. Dies sind kommerzielle e-Learning Plattformen, wie sie größere Unternehmen zur Erwachsenenbildung einsetzen. Das ist für Schulen aber alles viel zu teuer und für kleinere Schulkinder unter 14 Jahren zu kompliziert, da es eben für Erwachsene gebaut ist. Natürlich hat sich auch Microsoft im Education-Bereich engagiert. Die Angebote richten sich aber entweder mit Lerninhalten an den Präsenzunterricht (siehe https://education.microsoft.com/de-de) oder bieten im Wesentlichen die Microsoft Office-Standardanwendungen in einem günstigeren Lizenzmodell für Schulen und Universitäten an (siehe https://www.microsoft.com/de-de/education/default.aspx). Von Microsoft gibt es jedoch keine frei verfügbare Kurs-Management-Lösung, welche die Komponenten Video, Chat und Dokumente für eine Klasse und ein Schulfach vereint.

Um überhaupt mit etwas zu starten, schauen einige Schulen zumindest den Markt der kostenlosen Video-Konferenz-Systeme an. Viele kommerzielle Systeme bieten auch ein kostenfreies Angebot. Jedoch verschieben die meisten in Zeiten von Corona massiv Rechenleistung und Bandbreite auf die kommerzielle Kundschaft.

So sind auch unsere Beobachtungen bei Microsoft. Das freie Angebot von Microsoft Teams, dass einen modernen Video-Chat beinhaltet, zuckelt ganz schön in Stosszeiten, während die Firmen mit einer kommerziellen O365 Subskription das gleiche Produkt in guter Qualität bekommen. Das ist ja auch eine legitime Taktik, sollte nur bei der Auswahl bekannt sein. Das alte und inzwischen abgekündigte Microsoft Skype4Business ist zu Zeiten von Corona praktisch unbrauchbar geworden, weil die Server – egal ob bei Firmen oder Cloud Providern – mit der alten Technik das Volumen kaum abbilden können. Die allermeisten Consumer-Lösungen, wie das freie Skype von Microsoft, sind eher für Person-zu-Person, nicht jedoch für Gruppen von 20 bis 30 Schulkindern gemacht und für diese Anwendung auch eher unbrauchbar.

Der Video-Dienst www.zoom.us bietet auch einen freien Account. Sessions werden hier nach 40 Minuten gestoppt. Für kurze Home-Office Meetings optimal. Für eine Online Schulstunde eine klasse Alternative. Die Qualität war auch in dieser Woche noch hervorragend.

Leider verkauft der Französische IT-Riese ATOS das Kollborations-Tool www.circuit.com der ehemaligen Siemens-Tochter Unify nicht mehr aktiv. Das Produkt hätte sich mit seiner Integration aus Chat und Videokonferenz hervorragend für Schulen geeignet.

Sehr bekannt und von vielen weiterführenden Schulen und Universitäten im deutschsprachigen Raum genutzt ist auch die Lern-Content-Plattform moodle.org. Diese ist eine internationale Open Source Software, die lizenzkostenfrei in 100 Sprachen weltweit von hunderten von Millionen Lehrkräften und Schulkindern genutzt wird. Sie kann selbst betrieben werden oder für vertretbare Kosten bei einem Moodle-Partner gehostet werden. Moodle vereint praktisch alle oben aufgeführten Elemente außer die Live-Video-Konferenz, die man eben bisher nicht in dem Maße brauchte.  Kurs-Management, Dokumentenplattform und Chats sind sehr schön integriert. Kombiniert man Moodle beispielsweise mit Zoom als Live-Video-Konferenz, müssten zwar die Zoom-Aufnahmen manuell in den Lern-Content eingepflegt werden, aber es würde sicher am meisten der Schulrealität weiterführender Schulen entgegen kommen.

Wenn Schulen wirklich ohne eigenen Softwarebetrieb und vollkommen ohne finanzielle Mittel einen Online-Unterricht durchführen und organisatorisch abwickeln möchten, ist selbst Moodle keine Lösung. Es ist komplexer zu lernen und braucht einen Betreiber, wie bei einer Web-Seite. Bei Schulen, die günstiger und vor allem einfacher digital lehren möchten, können wir empfehlen, einen Blick auf Google Classroom Angebot zu werfen. Dahinter verbirgt sich ein sehr einfaches, aber genauso leicht verständliches Kurs-Management, das einen strukturierten Chat entlang von Fächern (Kursen) anbietet und die Lernerfolge der Schulkinder kontrollieren kann. Google Classroom bringt auch die Dokumentenplattform G Suite mit der Video-Plattform Hangout/Meet zusammen, die direkt mit Microsofts Office 365 konkurrieren. G Suite ist für Schulen und Universitäten in der Standard-Subscription im Gegensatz zu Microsoft permanent kostenfrei (siehe https://edu.google.com/intl/de_de/why-google/k-12-solutions/?modal_active=none). Dort ist auch der Video-Dienst Hangout/Meet mit kleinen Restriktionen kostenfrei enthalten. Obwohl normalerweise nur Universitäten mit mehr als 250 Studierenden in einem Online-Kurs an diese Limits kommen, hat Google mit Reaktion auf die Corona-Krise sogar diese Restriktionen zunächst bis zum 1. Juli 2020 aufgehoben (siehe Google Pressemitteilung). Aber auch unabhängig davon bietet Googles Hangout/Meet für Schulen und Universitäten eine permanent kostenfreie Video-Lösung, die für die meisten Schulen mehr als ausreichend ist. Die Qualität ist gut genug um dem Unterricht flüssig folgen zu können. Manchmal kommt es zu einer größeren Latenz (Verzögerung zwischen dem Senden und Empfangen der Videoübertragung) als beim Konkurrenten Zoom. Der Video-Strom reisst aber extrem selten ab, wie man es von Googles Youtube gewöhnt ist. Die hervorragende Integration in das Kurs-Management Google Classroom kompensiert dieses Handicap mehr als ausreichend.

Video Sessions auf meet.google.com können in einem virtuellen Klassenzimmer angekündigt werden. Aufnahmen aus einer Video Session liegen übersichtlich in dem Google Drive Ordner, der mit dem Klassenzimmer verbunden ist.

Die freien Quotas bei Google sind so hoch, dass hier einige Wochen Unterricht reinpassen. So ermöglicht es Kindern, die eine gewisse Zeit krank waren oder Corona überwinden mussten, den verpassten Unterricht wieder aufzuholen. Schließlich wird voraussichtlich ca. ein Drittel der Deutschen in den nächsten 12 Monaten krank!

Google bietet inzwischen auch alle Applikationen (bis auf einige Hilfeseiten für Administratoren) komplett in deutsch als Browser und mobile App an. Auch hält sich Google an den Europäischen Datenschutz (DSGVO) und verkauft keine Verbindungsdaten oder Daten der Nutzenden aus der G Suite. Lerninhalte sind selbstverständlich NICHT einfach in der Google-Suche auffindbar, solange dies eine Lehrkraft nicht explizit so wünscht.

Auch wenn wir uns wünschen, dass die Schulen in Deutschland bald wieder zugänglich sind, ist dies vielleicht eine Orientierung für Schulen, die sich auf Alternativen vorbereiten möchten.

#Cloudflight

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