Steht sich Deutschland in puncto Cloud selbst im Weg?

Hindernisse auf dem Weg zum Cloud-Einsatz und wie sie zu überwinden sind – in aller Kürze:

  • Durch das hauptsächlich amerikanisch geprägte Angebot entsteht der Eindruck, es gäbe nicht genügend alternative Cloud-Anbieter, die mit deutschen Richtlinien gut vereinbar sind. Eine nüchterne Betrachtung der mittlerweile durchaus breiten und sich stets entwickelnden Angebotspalette zeigt jedoch, dass es zum einen immer mehr europäische Alternativen gibt und die Services der Hyperscaler durchaus auch in Deutschland gut genutzt werden können. Durch Multicloud-Strategien und die Nutzung offener Schnittstellen kann das individuell passende Angebot identifiziert werden.
  • Vor allem Unternehmen, die noch keine Public Cloud nutzen, sind der gegebenen Datensicherheit gegenüber skeptisch. Mit dem richtigen Umgang sowie Nutzungsstrategien wie der Multicloud-Strategie kann die Public Cloud für Unternehmen jedoch neue Sicherheitspotentiale erschließen und sogar sicherer sein als lokale Infrastruktur.
  • Klassische Entscheidungskriterien können ein großes Hindernis für Cloud-Projekte darstellen, wenn Cloud-Transformationen als Mega-Projekte betrachtet werden, die sich erst nach Projektabschluss rentieren. Werden Quickwins als solche erkannt, ändert sich das. Mittelbar ist, das die schnelle Verfügbarkeit der Infrastruktur mit geringem Risiko, die dann durch einfach verfügbare Services unmittelbar zu nachhaltigem Erfolg und Wachstum durch den Cloud-Einsatz führt.

Finnland, Dänemark und Norwegen – die skandinavischen Länder – stehen im europaweiten Vergleich deutlich an der Spitze, wenn es darum geht, in welchen Ländern die meisten Unternehmen in Cloud-Computing-Dienste investieren. Auf der Suche nach Deutschland in diesem Vergleich wird man allerdings erst im Mittelfeld fündig – hinter Slowenien, Kroatien und Zypern.[i] Wie kommt es, dass wir Deutschland immer wieder in dieser Position finden? Deutschland gilt als wichtige Wirtschaftsmacht. Warum mischt ein Land, das heute Vorbild in vielen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekten ist, im Bereich Cloud und Digitalisierung nicht ganz vorne mit? Nicht nur innerhalb Deutschlands kommt diese Frage auf, sondern auch andere Länder fragen sich, ob wir mit unserer traditionellen Risikoaversion nicht den Anschluss an eine digitale Zukunft verlieren.[ii]

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Sind es wirklich technische Hindernisse oder datenschutzrechtliche Risiken, die deutsche Unternehmen von der Nutzung der Cloud abhalten? Oder gäbe es Mittel und Wege diese zu überwinden und das größte Hindernis ist letztlich das deutsche Mindset?

Motivationshemmer auf dem Weg zum flächendeckenden Cloud-Einsatz

So richtig scheint der Gedanke „Cloud“ also noch immer nicht überall zugelassen zu werden. Es gibt zahlreiche Studien, Whitepaper und Key Notes zum Thema Cloud in Deutschland – an Infos und Diskussionen sollte es demnach nicht mangeln. Und dennoch können deutsche Unternehmen auf dem Weg der Cloud-Transformation noch viel Potential ausschöpfen.

Welche Herausforderungen halten Unternehmen davon ab, Cloud-Speicher für ihren Unternehmenszweck einzusetzen? Ein offensichtliches, vermeintlich großes Hindernis ist der Faktor Datenschutz – hierzulande ein beliebtes auf dem Weg zur Innovation. Darüber hinaus gibt es allerdings weitere Hindernisse, eher technischer Natur. Unsere Cloud-Native-Studie hat in Bezug auf Cloud-Native-Technologien die folgenden Hemmer identifiziert:

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Im Folgenden möchten wir einmal näher anschauen, warum die Anwendung der Public Cloud allgemein noch nicht so weit verbreitet ist, wie in anderen Ländern. Es zeichnen sich insgesamt drei große Motivationshemmer ab, die Ursache für Deutschlands Cloud-Trägheit sein könnten.

Unübersichtliches und einseitiges Produktangebot

Die amerikanischen Hyperscaler sind allgegenwärtig und mittlerweile jeder Person ein Begriff, die sich mit Cloud Computing in irgendeiner Form auseinandersetzt. Die drei großen Cloud-Anbieter Amazon, Google und Microsoft bieten eine breite Palette an Services auf unterschiedlichen Ebenen des Cloud-Computing sowie für Cloud-Native. Auf den ersten Blick ist das Angebot an Cloud-Anbietern völlig ausreichend und mittlerweile verfügen alle drei Hyperscaler über Rechenzentren in Deutschland – allerdings ist das Angebot insgesamt nicht sehr europäisch geprägt. Die deutsche Wirtschaft ist vor allem durch die starke Industrie des Mittelstandes geprägt.

Genau hier könnte das Problem liegen – wie sieht es mit europäischen Alternativen aus?

Ob GAIA-X jemals eine echte Alternative zu den amerikanischen Hyperscalern werden könnte, bleibt abzuwarten. Zurzeit ist das deutsche Projekt jedenfalls noch nicht so weit und solange Unternehmen darauf warten, dass GAIA-X als Cloud-Alternative nach deutschen Standards agiert, wird es schwierig, im weltweiten (oder auch nur europaweiten) Vergleich aufzuholen.

Aber auch Versuche bereits etablierter Cloud-Anbieter für den deutschen Markt attraktiv zu werden sind in der Vergangenheit gescheitert. Die Telekom scheiterte 2018 mit ihrem Versuch, eine Cloud-Landschaft gemeinsam mit Microsoft anzubieten, die die Haltung sämtlicher Daten im deutschen Telekom-Rechenzentrum garantiert. Einzig der Technologie-Stack stammte von Microsoft. Soweit die Idee – in der Realität waren den Kunden die Kosten jedoch zu hoch und die zur Verfügung stehenden Funktionen nicht vergleichbar mit den amerikanischen Alternativen. Nun kündigte Google mit T-Systems einen erneuten Versuch für das kommende Jahr an, eine Cloud-Alternative nach deutschen Datenschutzrichtlinien anzubieten, die ebenso gut nutzbar sein soll, wie die Angebote der Hyperscaler. Es bleibt also abzuwarten, ob der zweite Anlauf gelingt und T-Systems aus dem ersten Versuch gelernt hat. Weiter zu beobachten sind ebenso die französische Alternative OVHCloud sowie der deutsche Cloud-Anbieter IONOS[iii].

Speziell auf die Bedürfnisse der deutschen Industrie zugeschnittene Angebote liefern darüber hinaus Amazon mit AWS for Industrial sowie Google mit seiner Cloud for Manufactoring. Auch Microsoft hat mit der Cloud for Manufacturing ein Projekt für die Industrie gestartet.

Das Produktangebot ist da und wird genutzt – weltweit wurden 2020 schließlich 270 Mrd. US-Dollar Umsatz mit Cloud Computing gemacht.[iv] Nur für Deutschland scheint das Angebot noch nicht zu passen. Das könnte sich ändern, sobald sich europäische Alternativen den amerikanischen gegenüber stärker durchgesetzt haben. Oder aber, sobald das Thema Datenschutz nicht länger als Hindernis, sondern als Chance begriffen wird, die Cloud-Umgebung optimal zu nutzen. Denn haben Public Clouds per se eine schlechtere Datensicherheit als lokale Lösungen?

Die Frage nach der Datensicherheit

Der Datenschutz spielt hierzulande bei jeder Business-Entscheidung eine Rolle – und das ist auch richtig und wichtig. So wird auch bei der Entscheidung Cloud oder lokal, und wenn Cloud, für welche Zwecke, der gegebene Datenschutz als Entscheidungskriterium herangezogen. 2018 gaben im Zuge einer Befragung 65 % der Unternehmen an, ihre Cloud-Lösungen mit Security Services abzusichern.[v] Es scheint ein gewisses Misstrauen in Cloud-Lösungen zu existieren – begründet?

Tatsächlich gaben nur 22 % der befragten Unternehmen einer weiteren Befragung im gleichen Jahr an, Sicherheitsvorfälle in ihren Public-Cloud-Lösungen verzeichnet zu haben[vi] – im Vergleich dazu waren es 28 % der Unternehmen, die ihre eigenen IT-Infrastrukturen verwenden.[vii] Interessant sind in dem Zusammenhang vor allem Ergebnisse einer Studie des Digitalverbandes Bitkom, nach der vor allem diejenigen Unternehmen die Datensicherheit in der Public Cloud geringer einschätzten, die selbst keine Cloud-Lösungen nutzen. Jene Unternehmen hingegen, die ihre Daten bereits in einer Public Cloud speichern, haben gegenteilige Erfahrungen gemacht: Sie schätzen die Cloud sogar als sicherer ein als eigene IT-Infrastrukturen.[viii] Die Erfahrungen der Hyperscaler aus vielen Jahren Public Cloud mit einer unwahrscheinlich großen Zahl unterschiedlicher Kunden ermöglicht eine Public Cloud-Umgebung, die sicherer ist als unternehmensinterne Datenspeicher. So gehören Sicherheits-Services zum Standardangebot von AWS, Azure oder Google.

Auch unternehmensseitig kann mit dem richtigen Umgang mit der Public Cloud zu einer höheren Datensicherheit beigetragen werden. Entsprechende Lösungen sind hier zum Beispiel die Trennung verschlüsselter Daten vom entsprechenden Schlüssel und die Umsetzung einer Multicloud-Strategie, nach der unterschiedlich sensible Daten an unterschiedlich sicheren (und unterschiedlich teuren) Orten nutzenmaximierend gespeichert werden.[ix] Allerdings ist hierfür das nötige Know-How für den Umgang mit Public Cloud-Lösungen gefragt. Beispielsweise externe Partner können für den Know-How-Aufbau eine Unterstützung bieten.

Unpassende Entscheidungskriterien

Cloud Computing ist eine vergleichsweise neue Technologie. Entsprechend gering ist häufig das Know-How in Unternehmen aus technikfernen Branchen. Entsprechend wenig angepasst sind auch die Entscheidungskriterien, wenn es darum geht, Projekte zu bewilligen.

Fehlende Kenntnisse über die Einsatzmöglichkeiten und Potentiale der Public Cloud für das eigene Unternehmen, aber auch Fehleinschätzungen des Risikos, führen zu Skepsis was den Zweck der Cloud betrifft. Denn so viel ist klar: Cloud Computing ist kein Selbstzweck. Dementsprechend sollte über seinen Einsatz auch nicht im Kontext eines solchen Selbstzweckes entschieden werden, sondern die individuellen Vor- und Nachteile der Cloud-Nutzung für das Unternehmen abgewogen werden.

Ebenso besteht die Gefahr von Fehlentscheidungen, wenn über den Einsatz von Cloud Computing ausschließlich auf der Grundlage von Kosten entschieden wird. Einer Studie zufolge ist IT-Führungskräften durchaus bewusst, wie wichtig die Nutzung von Cloud Computing auch für die Kostenoptimierung ist. Wie diese Potentiale jedoch realisiert werden können, ist der Befragung nach aufgrund mangelnden Verständnisses oder mangelnder Fähigkeiten noch nicht allen IT-Entscheidern bewusst.[x] Dass einerseits die Einsparungspotentiale durch die Cloud nicht erkannt werden und andererseits die Kosten der Cloud nicht gut genug optimiert werden, kann dazu führen, dass Cloud-Projekte als weniger lukrativ eingestuft werden, als sie es tatsächlich sind. So entstehen die in unserer Cloud-Native-Studie erhobenen Hindernisse, Cloud Native anzuwenden; die Priorität von Cloud-Projekten ist nicht hoch genug, um entsprechend Budget zu allokieren und das Management ist unter Umständen nicht an Board.

Offensichtlich besteht hier also noch ein großer Bedarf an entsprechendem Know-How. Oder werden solche Entscheidungen am Ende nicht den geeignetsten Rollen überlassen?

Ein Cloud-Transformations-Projekt bis zu seinem Abschluss ist ressourcenaufwändig, so scheint es auf den ersten Blick also durchaus rational ein solches Projekt hinten anzustellen. Was hier aber häufig vernachlässigt wird, sind die Quickwins, die eine Cloud-Transformation bringt:

Zum einen gibt es Quickwins, die durch die Cloud ermöglicht werden. Zum Beispiel können vergleichsweise risikoarm neue Services und deren Akzeptanz in Test- und Developmentumgebungen getestet werden. Zu diesen Quickwins gehören auch SaaS-Lösungen, die eine schnelle Anwendung ermöglichen und auch über die Public Cloud bereitgestellt werden.

Zum anderen ist die Public Cloud als solche schon ein Quickwin durch die hohe Geschwindigkeit in ihrer Bereitstellung (und Abschaltung). Services können schnell allen im Unternehmen zugänglich gemacht werden, ohne große Hardware-Investitionen tätigen zu müssen. Der Bedarf kann schnell und einfach angepasst werden, sodass kein großes Risiko entsteht.

Lift and Shift hingegen ist kein Quickwin von Public Cloud. Diese Methode birgt das Risiko, die Vorteile der Cloud – einschließlich der Kosteneffizienz – nicht auszuschöpfen.

Nicht umsonst weisen typische Cloud-Native-Paradigmen darauf hin, schrittweise und iterativ vorzugehen. Agile Ansätze basieren darauf, regelmäßig Feedback einzuholen und nach jedem Sprint etwas Testbares zu liefern. Auf ähnliche Weise führt auch eine Cloud Transformation zu Quickwins – nicht aber dann, wenn sie als gigantisches Wasserfallprojekt durchgeführt wird, das erst zum Schluss Ergebnisse erahnen lässt.

Einen Lösungsansatz bietet das folgende Muster der Cloud Native Pattern Library.[xi] Zunächst wird viel experimentiert, die Möglichkeiten bleiben breit gefächert und entsprechend gering ist das finanzielle Commitment. Im Verlauf des Projekts werden Handlungsoptionen ausgeschlossen und andere fokussiert und mittels POCs (Proofs of Concept) validiert. Schließlich, und erst an dieser Stelle ist das finanzielle Commitment wirklich hoch, wird der vielversprechendste Weg (big bets) eingeschlagen und verfolgt.

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So können also schon zu Beginn mit wenig Ressourcenaufwand und dementsprechend wenigen Kosten erste Vorteile durch die Cloud-Nutzung entstehen und Potentiale für das Unternehmen aufgedeckt werden.

Deutschlands Cloud-Trägheit – eine Mindset-Frage

Die Liste vermeintlicher Hindernisse ist lang. In Verbindung mit einem hauptsächlich amerikanischen Angebot spielen vor allem Sorgen um die Datensicherheit für IT-Entscheiderinnen eine Rolle. Daneben werden für Entscheidungen über Cloud-Projekte häufig unpassende Kriterien herangezogen. Hier wird ein Mangel an entsprechendem Cloud-Wissen deutlich, der sicherlich zu großen Teilen auch der bisher niedrigen Priorität von Cloud Computing für viele Unternehmen geschuldet ist.

Nach näherer Betrachtung wird jedoch klar, dass die Hindernisse überwindbar sind. Ist die Cloud-Durchdringung in Deutschland am Ende eine Mindset-Frage? Unternehmen scheinen sich selbst im Weg zu stehen, indem Probleme als unüberwindbar angenommen und nicht hinterfragt werden. Ziel ist also erstmal ein Perspektivenwechsel und die Erkenntnis, dass Cloud Computing durchaus mit unseren Richtlinien und Standards vereinbar ist.

Es existiert eine breite Angebotslandschaft für Public Cloud, allen voran die drei Hyperscaler AWS, Azure und Google, deren größtes Manko die vermeintlich geringe Datensicherheit zu sein scheint – allerdings ist die tatsächlich gar nicht so gering. Im Gegenteil kann mit dem richtigen Umgang mit der Cloud eine sicherere Datenumgebung geschaffen werden als in lokalen Datenspeichern. Das dafür nötige Know-How gepaart mit Entscheidungskriterien, die an das schnelllebige Umfeld der Cloud-Anwendungen angepasst sind, sind gute Voraussetzungen, um Deutschland im globalen Cloud-Vergleich nach vorne zu bringen. Durch eine kritische Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen der Public Cloud für das eigene Unternehmen und einer lösungsorientierten Vorgehensweise kann genau das gelingen. Denn das Ziel ist erstmal, den Gedanken Public Cloud anzunehmen und sich nicht von vermeintlichen Risiken davon abhalten zu lassen, einfach loszulegen.

Die Umstände der Pandemie haben viele Unternehmen dazu gezwungen, schon früher als vielleicht ursprünglich vorgehabt die Perspektive zu wechseln und auf Public Cloud-Lösungen umzusteigen. Es bleibt also abzuwarten, wie sich der Markt verändert und welchen Platz deutsche Unternehmen darin einnehmen werden.

#Cloudflight

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